Eine Weihevolle Stimmung oder Roberts erste Begegnung mit der Schauspielkunst

Waren es die scheinbar unendlich vielen Sitzreihen mit den unzähligen Klappsesseln? War es die Atmosphäre gespannter Erwartung im Publikum, bevor das Licht im Raum erlosch?

Das alles vermag ich heute, fast siebzig Jahre später, kaum zuverlässig zu sagen. Aber es klingt in der Erinnerung nach.

Wie ich in diese Vorstellung als 5- oder 6-jähriger hinein geriet, weiß ich erst recht nicht mehr. Es war in Hameln, einer Stadt in Norddeutschland. Meine Eltern und wir Kinder wohnten als Ostflüchtlinge nach dem Krieg noch eher notdürftig untergebracht in einem dafür hergerichteten Lagerraum eines Geschäfts für Büromaschinen. Im Komplex der Firma gab es auch ein Kino, eins von immerhin sechs zu jener Zeit in der Stadt. Als kleiner Bub war man natürlich schnell bekannt geworden mit dem Kinopersonal: einer Filmvorführerin und der Frau, die an der Kasse die Eintrittskarten verkaufte. So mag es sein, dass ich eines Tages also in den Saal der Kammerlichtspiele hineinschlüpfen konnte.

„Weihevolle Stimmung“ – damit lässt sich mein damaliges Gefühl vielleicht am besten beschreiben. Dazu tat dann der Film sein Übriges. Sicher hätte ich mir den Namen des Hauptdarstellers nicht gemerkt, wäre es nicht der gleiche gewesen wie mein eigener, nämlich Robert.  Nachname: Schumann. Und dieser Robert ertränkte sich gegen Ende der Geschichte in einem Fluss. Nebel über dem Wasser, der einsame, verwirrt wirkende Selbstmörder, alles riesengroß in schwarz/weiß mit trauriger Musik (schnarrend, Tontechnik der 40er Jahre!) unterlegt – freilich, es war „Lichtspieltheater“, wie man damals sagte, nicht eigentlich Theater, aber ich verließ am Ende den Kinosaal trotzdem so benommen und ergriffen, wie es später im Leben viel eher Theateraufführungen bei mir bewirkt haben als Filme.

Heute weiß ich, dass Schumann aus dem Rhein gerettet, hernach allerdings in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Und ich habe herausgefunden, dass es einen UFA-Film über Schumann aus dem Jahr 1944 gibt, Titel: Träumerei, in den Hauptrollen: Mathias Wieman und Hilde Krahl, Altersfreigabe: 16 Jahre. Keine Ahnung, wie ich da hineinkommen konnte!

Die Hamelner Kammerlichtspiele existieren schon seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr, es handelte sich ja in Wirklichkeit auch nur um ein kleines Kino, wohl aber lebt die Erinnerung an meine erste Begegnung mit der Welt der Schauspielkunst fort.

Robert Fallenstein

Vielen Dank für diesen wirklich wunderschönen Beitrag lieber Robert!

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